Zugspitz-Extrem-Berglauf

06.08.2008 06:11 Von: Wolfgang Kaiser & Kurt Nelius

Foto: Kurt Nelius und Wolfgang Kaiser beim Zugspitzlauf

Zugspitz Extrem-Berglauf, eine Nachlese

 

Nachdem nun einige Zeit verstrichen, in Presse, Rundfunk und Fernsehen auch etwas Beruhigung eingetreten ist, soll dieser Lauf auch nochmal aus Sicht und Erlebnis der beiden Umstädter Läufer, Kurt Nelius und Wolfgang Kaiser dargestellt werden. Der Bericht geht sicher nicht locker von der Hand, noch sitzt der Schrecken tief drin und man fragt sich, muss es immer höher, schneller, härter sein – angesichts von 2 toten Läufern. Aber es kann deswegen auch nicht nur Schweigen angesagt sein, zumal wir den richtigen „Horror“ nur am Rande mitbekommen haben. Wir hatten den Run gebucht und wussten, worauf wir uns einlassen – 16,1KM bei 2100 Höhenmetern, Ziel in 2944m Zugspitzplateau-, nur das Wetter, die imponderable Größe in den Bergen, hat voll zugeschlagen. Eine Läuferin, die 1 Std. nach uns ins Ziel kam sagte, das Ganze erinnere sie an ihre Kindheit im jugoslawischen Bürgerkrieg: Um Hilfe schreiende, denen man nicht helfen konnte, da man sonst selbst in Lebensgefahr geriet. Zwei Zufälle retteten uns vor ähnlicher Erfahrung. Wir waren mit 3 Std. und 2 Minuten zu langsam, um die letzte Etappe absolvieren zu müssen, denn der Restanstieg zum Gipfel wurde kurz zuvor gesperrt. So kamen wir in Sonnalpin auf 2580m (Bergstation unterhalb des Plateaus) im (Ersatz)Ziel in die Wertung. Uns wurden 1,4KM und 350 Höhenmeter „geschenkt“.

Der Start in Ehrwald auf 900m fand bei Regen und 13 Grad statt – Veranstalter wiesen nochmals daraufhin, sich  „gescheit“ anzuziehen, es wären oben Temperaturen um den Gefrierpunkt zu erwarten. Bereits an Knorrhütte, über 1100 Höhenmeter waren bereits erklommen, war Wolfgang für die mitgenommen dünnen Laufhandschuhe dankbar und es bestätigte sich immer mehr, wie wertvoll „vorausschauende“ Kleidung war (atmungsaktives Langarmshirt und ärmellose Gore-Weste), denn das Wetter wurde richtig ungemütlich. Starker Wind kam auf und der kalte Regen peitschte auf die ohnehin klatschnasse Kleidung und die Sicht wurde kürzer. Nach dem steilen Aufstieg an Halteseilen zum Gatterl ging der Regen in Schnee über und die mit Fixseilen gesicherten schmalen Wege mit wieder starkem Gefälle wurden wegen der vom Regen weggespülten Erde zur Rutschpartie. Immer wieder abrutschen, festhalten, im Schlamm wieder hochziehen und weiter…. . Die Kraft in den Beinen ist bei Bergläufern da, aber hochziehen und Kletterei unter solchen Umständen kostet richtig Kraft  in Oberkörper und Armen.  Nicht wenige LäuferInnen in Trägershirts und kurzen Shorts sahen erbärmlich aus und konnten kaum noch laufen, geschweige rennen, wo es doch darum ging, die Körpertemperatur durch Bewegung nicht noch weiter absinken zu lassen. Die Zöpfe einer Läuferin waren zu Eisseilen erstarrt. Am Pfad lag ein in Goldfolie eingepackter Läufer, der von einer Person betreut wurde. Teilweise apathisch blickende, durchgefrorene Gestalten bewegten sich im Gänsemarsch vorwärts. Der Schneefall hatte bereits  zu diesem Zeitpunkt die rote Wegmarkierung auf den Steinen teilweise verdeckt.

Nur noch Durchkommen war angesagt. In der Ferne tauchten plötzlich Seile der Sonnalpinbahn auf. Es ist nicht mehr weit, wir rannten wie verrückt über Schneematsch, Steine und Altschneefelder Richtung der rettenden Sonnalpin-Station. Der Zeitnahmeteppich piepste -, wir waren im Ziel angekommen und niemand wusste erst wohin, denn es herrschte helle Aufregung. Bergwacht und

 Rotkreuz waren mit Tragen unterwegs Richtung der sich nähernden Läufer. Wir suchten zunächst Zuflucht In den Räumen und Gängen der Bergstation, die soweit es ging bereits geheizt wurden und erfuhren, dass der Restanstieg zum Plateau gesperrt sei. Bei diesem menschenfeindlichen Wetter war auch kein Gedanke an Weiterlaufen aufgekommen. In mit warmem Wasser gefüllten Bottichen saßen bibbernde Läufer , teils in voller Montur incl. Schuhe. Andere geheizte Räume fungierten als Aufwärmräume, vollgestopft mit an ganzen Körper zitternden Menschen, wir gesellten uns dazu und zitterten eine Viertelstunde mit, bis wir uns etwas besser fühlten. Jetzt mussten wir noch das Ticket für das Plateau lösen. Gem. Ausschreibung waren 5,50€ für die Karte mitzubringen. Die Schalter waren wohl überdacht, aber es war bitterkalt und nach dem Anstehen fing die Zitterei wieder an und wir konnten die Gondel besteigen, die uns zu unseren auf dem Plateau deponierten und mit der Startnummer gekennzeichneten Beutel brachte. Umziehen hat noch nie so lange gedauert. Immer noch zitternd und mit streifen Händen mussten Schuhe auf- und zugebunden, umgezogen werden. Da war auch nicht geübt. Chiprückgabe stand dann auf dem Programm (Leihgebühr 50€) im Gegenzug die Finishermedaille in Form des Zugspitzgipfelkreuzes, dieses Jahr mit schalem Beigeschmack. Nun die Gondel nach unten, draußen waagerechtes Schneetreiben, taubengroße Hagelkörner schlugen auf die Gondelscheibe, das Wetter zog alle Register, es ließ sich erahnen, was die „Langsameren“ zu erleiden hatten. Zwei Stunden später auf dem Matinsplatz in Ehrwald –immer noch Regen- wo am Vormittag die 644 ExtrembergläuferInnen starteten, sollte die Siegerehrung stattfinden. Ein Hinweisschild gab bekannt, dass auf die Siegerehrung wegen eines tragischen Todesfalles beim Lauf verzichtet  werde…….die Gerüchteküche begann zu brodeln, Todes- Vermissten- und Verletztenzahlen schnellten in die Höhe. Das wahre Ausmaß unseres persönlichen Glücks wurde uns erst jetzt richtig bewusst.  Helikopter im Einsatz waren immer noch im Berg zu hören.

Ein Ereignis, ein Erlebnis, das man kein 2.Mal braucht. Braucht man es überhaupt ?  Hätte der Veranstalter aufgrund der Wetterprognosen den Run überhaupt nicht starten sollen, zumindest Sonnalpin gleich als Endziel nehmen sollen ? Alle Teilnehmer haben schriftlich den Haftungsausschluss des Veranstalter erklärt – jeder Teilnehmer ist für sich verantwortlich. Ein Extremberglauf , dieses Jahr im wahrsten Sinne des Wortes,  mit vielen offenen Fragen, die sicherlich auf höherer Ebene diskutiert werden, denn die Staatsanwaltschaft hätte die Ermittlungen aufgenommen.

 

Wolfgang Kaiser und Kurt Nelius

 

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