Für Jörg Drechsler gibt es einen Marathon zur Bescherung

24.12.2013 08:00 Von: Darmstädter Echo & pico

– Für den Sportler vom TV Groß-Umstadt ist das Jahr noch längst nicht gelaufen

Für Jörg Drechsler gibt es einen Marathon zur Bescherung

– Für den Sportler vom TV Groß-Umstadt ist das Jahr noch längst nicht gelaufen

Besinnliche Weihnachtszeit? Jeder versteht etwas anderes darunter. „An einem besonderen Tag etwas Besonderes machen“, lautet etwa der Wahlspruch von Jörg Drechsler für diesen 24. Dezember. Und der 41-Jährige vom TV Groß-Umstadt hat sich tatsächlich ein besonderes Programm vorgenommen: einen Marathon zum Fest – und noch einiges mehr.

Die Vorstellung, mal eben 42,195 Kilometer zur Bescherung zu bestreiten, wäre für so manche Zeitgenossen wohl alles andere als verlockend. Ausgepumpt und mit ächzenden Knochen den Weihnachtsabend zu verbringen, macht ja wenig Sinn. Selbst die meisten Leistungssportler legen an solchen Tagen mal die Füße hoch, fahren die Belastung herunter. Jörg Drechsler verbindet freilich andere Bilder und Gefühle mit dem Laufen allgemein und dem 12. Bärenfels Heiligabend-Marathon im Speziellen.

In Neubrücke, einem Ortsteil von Hoppstädten-Weiersbach in Rheinland-Pfalz an der Grenze zum Saarland, war er bereits im vergangenen Jahr dabei. „Die Stimmung trägt das.“ Er freut sich wieder auf das Flair und die „familiäre Atmosphäre“ unter Gleichgesinnten. „80 bis 100 Personen auf der Marathondistanz, alles Wiederholungstäter.“

Nein, als Schulbeispiel oder gar Vorbild taugt das nur eingeschränkt. Drechsler gehört inzwischen zur Spezies der Ultraläufer, die Strecken bis 100 Kilometer und mehr am Stück bewältigen. Die aber in der Bewegung nicht nur Ehrgeiz ausleben, sondern vor allem auch Entspannung finden. „Dort läuft keiner auf Bestzeit“, weiß er über den Heiligabend-Marathon zu berichten, die einzige Veranstaltung, die der DLV-Volkslaufkalender an diesem Tag anbietet. Er freut sich auf „nette Gespräche und Unterhaltungen beim Laufen – ohne Tunnelblick.“

Für den Familienvater ist die Rechnung ganz einfach. Start um 8 Uhr. Laufzeit auf der profilierten Strecke (immerhin 1250 Höhenmeter) rund vier Stunden. „Dann bin ich um 15 Uhr wieder bei der Familie zu Hause in Groß-Umstadt.“ Das sei doch allemal besser als früher: „Da bin ich manchmal noch hastig in die Stadt gefahren und habe die letzten Geschenke gekauft.“ Das habe er nun vorher erledigt. So sei er sogar entspannter am Tannenbaum, schwört er auf die ausgleichende Wirkung des Laufens, das sein Leben verändert hat. Den Einstieg hatte der ehemalige Hobbyfußballer vor knapp zehn Jahren aus Gewichts- und Fitnessgründen gesucht.

Nicht mehr Geisel der Uhr

Statt der Hatz um Weihnachten, die Hatz auf der Strecke? Er sei nicht mehr Geisel seiner Uhr, betont Drechsler. Soll heißen: Die Zielsetzung liegt abseits von den Bestmarken, die er schon vor einigen Jahren im Marathon (3:25 Stunden) und auf der 50-Kilometer-Strecke (4:12) aufstellte. „Irgendwann kam der Genuss dazu“, beschreibt er die Wandlung. Er bevorzuge zudem Waldlaufstrecken, auch „Trials“ im Gelände gehören zum Programm. „Das Naturerlebnis steht im Vordergrund.“ Wenn auch im gemäßigten Tempo geht das Ganze dennoch ins Extrem. Der Weihnachtslauf ist für Drechsler bereits der 20. in diesem Jahr, der über die Marathondistanz oder sogar darüber hinaus ging. Empfohlen wird für Läufer allgemein nur ein Zehntel davon.

Erst am Sonntag startete Drechsler beim Mainzer Maaraue (Ultra)Marathon, einem Benefizlauf über 45 Kilometer. Hinter dem Streckenrekord laufenden Adam Zahoran (LG Würzburg/3:02) ließ es Drechsler gemächlicher angehen: In 4:24 Stunden war er als 20. von 80 Startern im Ziel. Trotz nicht gerade optimalen Wetters habe er den Lauf „gut überstanden“, daher stehe dem Weihnachtslauf zwei Tage später nichts im Weg. Und als Zugabe zum Jahresende plant er noch einen weiteren Marathon an Silvester in Hemsbach.

Da kann einer nicht genug kriegen. Den Suchtfaktor Sport, gerade jüngst auch Thema beim Darmstädter Sportforum, sieht er für sich aber nicht. „Ich kann ohne Sport leben. Verzicht? Ja, das ginge noch.“

Drechsler, der in Darmstadt als Hallen- und Platzwart am Böllenfalltor arbeitet und oft genug auf Laufschuhen aus Groß-Umstadt zum Job pendelt, ist sich bewusst, dass er mit seiner Leidenschaft aber vielen eher Kopfschütteln erntet. In diesem Jahr komme er wohl auf 4700 Laufkilometer, schätzt er. Einer der Höhepunkte: der Schefflenzer 100-km-Ultralauf am 1. Juni, den der gebürtige Frankfurter in gut zwölf Stunden bewältigte. „Nach den 100 ging es mir eigentlich besser als bei so manchem Marathon“, bilanziert Drechsler. Er habe gelernt, auf seinen Körper zu hören. Aber ob für diesen – 1,78 m groß, 76 kg schwer – die Belastung gesund ist? „Bis jetzt nichts Negatives“, beteuert der Südhesse, der sich jedes Jahr Checks beim Kardiologen und Orthopäden auferlegt. Im Gegenteil: Der hohe Blutdruck sei dauerhaft gesenkt. Er fühle sich ausgeglichener und „viel ruhiger.“

Auf der Strecke lässt er gerne die Gedanken schweifen. Jetzt zu Weihnachten sei eine gute Zeit, „um das Jahr Revue passieren zu lassen, privat und sportlich.“ Dazu komme die Vorfreude auf die Feiertage und auch das neue Jahr. Für das er sich natürlich auch sportliche Ziele gesetzt hat. Wie könnte es anders sein: ein Ultramarathon. Ein 100-Meilen-Lauf, also rund 160 Kilometer lang, den Berliner Mauerweglauf im August. Ein Wunsch, den er an Weihnachten ziemlich exklusiv haben dürfte.

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